Sonntag, 1. Juni 2008

Vergleiche...

Wann ist man in einem fernen Land eigentlich wirklich angekommen? Einige sagen wenn man neue Bekannte zufällig in Stadt wieder trifft, was natürlich sehr von der Größe der jeweiligen Stadt abhängt. In Jerusalem hat das bei mir ungefähr 3 Wochen gedauert. Andere meinen man müsse dafür die Landessprache einigermaßen beherrschen, was einem durch Sprachkurs und offene Mitmenschen erleichtert wird.
Für mich war es der Moment an dem ich nicht mehr verglichen habe; Verhaltensmuster, Aussehen oder einfach wie man Sachen hier bewältigt. In dem Moment wo ich nicht mehr dachte 'Also in Deutschland hätten wir das anders gemacht!'; da war ich angekommen. Allerdings bringt das ein Problem mit sich, denn einem gehen die Themen aus. Ich sehe die interessanten Dinge einfach nicht mehr. Darum mache ich jetzt eine neue Kategorie auf in der ich mich immer einer spezifischen Sache annehme und sie Vergleiche. Wenn jemand gerne mal wissen möchte wie man so etwas eigentlich in Israel oder Palästina macht, dann scheut euch nicht und fragt. Ich fange heute mit „Die Benutzung der Hupe im Straßenverkehr...“ an.

Viel Spass! Euer André

Die Benutzung der Hupe im Straßenverkehr...

Wenn ich in Dresden durch die Stadt gehe und es hupt ein Auto. Was mache ich da? Ich versuche unter Einsatz von Hals und Hüfte meine Sehorgane (evtl. mit Sehhilfe) Richtung Geräuschequelle auszurichten. Nicht so in Israel! Die aktive Benutzung der Hupe stellt hier einen elementaren Bestandteil des Straßenverkehrs dar. Vielmehr noch hat man den Eindruck es werden Botschaften auf Basis von Länge und Intensität des Hupens ausgetauscht. Man stumpft dem eigentlichen Gefahrensignal gegenüber ab und ändert an seinem momentan Verhalten nichts.
Auch das „Präventiv Hupen“ ist gerade in Jerusalem stark verbreitet. Hält man mit seinem Auto zum Beispiel den dritten Platz vor einer roten Ampel inne, so hupt man bevor es Grün wird. So möchte der Kenner der Ampelschaltung, die Anderen an seiner Kompetenz teilhaben lassen. Schließlich kennt nicht jeder die Schaltzeiten auswendig. Manchmal kommt es zu vereinzeltem Fehlhupen, weil sich die Ampelschaltung geändert hat. Es wird in solchen Situationen öfters gehupt um das Aufmerksamkeitspotential aufrecht zu erhalten. Dabei muss man klar sagen, dass sich Israelis und Araber in der Beziehung nicht unterscheiden.
Einmal sah ich wie ein Fahrlehrer seiner neuen Schülerin eine Einweisung im Fahrschulauto gab. Noch bevor er auf Gas oder Gangschaltung zeigte, sollte sie die Hupe testen.

Mittwoch, 23. April 2008

Brotlose Zeit...

Wie sah es vor 100 Jahren in einem osteuropäischen Schtetl aus? Einem dieser kleinen Orte wo nur religiöse Juden wohnten und ihre Bräuche und Traditionen pflegten. Einem dieser kleinen kulturellen Konserven denen uns die Shoa beraubt hat. Es wäre wahrscheinlich ein ziemliches Gewusel gewesen! Männer mit Schtreimel und Tallit, Frauen in langen Rocken und Kopftüchern, ganz viele Kinder, kleine Jungs mit Kippa und Schläfenlocken. Nur an Sabbat und hohen Feiertagen sind alle ruhig und gehen nicht mehr als 1000 Schritte. Erhalten hat sich dieses Leben im extrem religiösen Stadtteil Me’a Scherim.Vor Pessach wird alles gesäuerte Brot verbrannt, ein Ritual was gerade in diesem Stadtteil von Jerusalem ein besonderes Specktakel ist. Am Freitag habe ich von dieser Zeitmaschine Gebrauch gemacht und fühlte mich wie im 19. Jahundert, aber seht selbst.


Weitere Bilder

Dienstag, 15. April 2008

Alle die an mich gedacht haben...

Es kommt ja vielleicht etwas spät aber ich möchte mich nochmal für meine Geburtstagsgrüße bedanken. Zum eine natürlich meine beiden Omas, dich sich ganz sicher sein können, dass nicht nur sie mich vermissen, sondern ich sie auch.

Ich bedanke mich: für die vielen lieben Anrufe die ich bekommen habe, für die Unmengen von SMS, für viele E-Mails (sogar aus Irland und von einer werdenden Mutti), für eine volle Pinnwand im Studivz, für die Kommentare hier auf dieser Seite und für den Käsekuchen im Kühlschrank…
Aber sicher am Meisten habe ich mich über die Überraschungsparty in En Karem gefreut. Für einen Abend war ich der König.

Dank an Rick, Johannes, Ester, Lisa, Sigi, Susanne, Daniel, Gerion, Silke, Florian, Ute, Ruben (die Reihenfolge ist willkürlich!)

So jetzt genug mit den Sentimentalitäten... Hier steht Pessach - das wohl höchste jüdische Fest - vor der Tür. Für uns Gois heist es Hamsterkäufe tätigen, denn es gibt hier per Gesetz eine Woche lang nichts zu kaufen was aus Getreide ist und länger als 18 min mit Wasser in Kontakt
war. Da fallen viele Dinge drunter, Brot, Nudeln, Pizza und vor allem Bier aber auch noch vieles mehr. Ausserdem wird das Chametz vor Beginn von Pessach verbrannt. Am Freitag werde ich deswegen in das religiöse Viertel von Jerusalem gehen, um mir anzuschauen wie Juden ihr Brot verbrennen.

Habt euch wohl, euer André...

Samstag, 29. März 2008

Geisterstadt...

Am Freitag war ich mit „Breaking The Silence“ einer Menschenrechtsgruppe aus Israel in Hebron. Die Stadt liegt im biblischen Judäa, also im Süden der Westbank. In Hebron leben 130.000 Palästinenser und mitten im Stadtkern mehrere hundert israelische Siedler. Im Gegensatz zu anderen Siedlungen leben hier jüdische Familien im Herzen der Stadt, sie berufen sich darauf das Hebron vor dem Massaker 1929 jüdisch war und freuen sich über jeden arabischen Einwohner den sie aus der Nachbarschaft treiben konnten.


Rechtfertigungsversuche von den israelischen Siedlern

Die Soldaten nehmen hier eine ganz bizarre Rolle ein, sie müssen die Siedler schützen - und niemanden Anderes. Natürlich wissen das die Siedler und vor allem auch ihre Kinder. Es kommt ständig zu Übergriffen und brutalen Auseinandersetzungen. Wenn zum Beispiel die palästinensischen Kinder aus der Schule kommen werden sie von den jüdischen Jungs mit Steinen beworfen, die Mädchen treten und kratzen. Die Eltern wissen genau, dass ihre Kinder nicht dafür belangt werden können. Die israelischen Soldaten die die Ausgangssperre für die palästinischen Bewohner durchsetzen, stehen daneben und dürfen nicht aktiv gegen die Siedler vorgehen. Hier gibt es kein geltendes Recht, in Hebron ist Recht was der Kommandeur der israelischen Truppen befiehlt. Ein Soldat am Checkpoint sagt uns er dürfe auf jeden Palästinenser schießen der hier durch will.


Checkpoint vor israelischer Siedlung in Hebron

Weil das natürlich für jedes friedliche Miteinander gift ist, hat das Militär alle Bereiche in denen Siedler unterwegs sind für Palästinenser sperren lassen. So funktioniert aktive Landnahme auch in anderen Siedlungen. Hier in Hebron bedeutet es das ein ganzes Stadtzentrum für die Bewohner gesperrt ist, der Markt, die Wohnungen alles ist verlassen damit eine Handvoll Siedler dort leben können.


hier darf sich kein Palästinenser bewegen


israelische Soldaten im geschlossenen Markt


"So sehen radikale Siedler aus!"


Weil die Siedler natürlich schon wissen, dass schlechte Publicity in Israel auch die Räumung bedeuten kann, nehmen sie auch solche Gruppen wie uns ins Visier. Aus diesem Grund werden wir von Polizei und Militär geschützt. Es ist auch ständig jemand mit einer Videokamera dabei. Nachdem wir durch die ausgestorbene Innenstadt gelaufen sind treffen wir eine palästinensische Familie die unterhalb eines besetzten Hauses lebt. Der Vater berichtet von der Situation und zeigt uns Videos wie die Siedler zum Beispiel in die arabische Schule eindringen und alles verwüsten.


Der schlimmste Moment war als er von seinem jetzt 13 jährigen Neffen erzählt hat. Eine der Siedlerinnen hat ihm im März 2005 einen Stein in den Mund gepresst und dann mit voller Kraft zu gedrückt bis die Zähne raus gebrochen sind. Alle diese Taten sind von verschiedenen NGOs dokumentiert, es liegen Zeugenberichte und ärztliche Atteste vor.


Was das alles für mich bedeutet? Es macht alles mal wieder nicht einfacher. Wut, Hass und Abscheu macht sich auf dem Rückweg in mir breit. Das Einzige was mir an diesem Tag an positivem bleibt, ist das Wissen um die Leute die diese Tour nach Hebron organisieren. Es sind ehemalige israelische Soldaten die in Hebron gedient haben, sie haben Dinge erlebt die für mich kaum begreifbar sind. Sie mussten wegschauen wenn die Siedler Ausschreitung provozierten. Jetzt bringen sie Israelis und internationale Besucher wie mich hier her, damit wir sehen was hier im Namen Israels passiert. Aber eben ein Israel in dem sie auch Leben. Ein Israel wo die Mehrheit gegen die Siedlung in Hebron ist, traurig das gerade hier die Demokratie nicht funktioniert. Da bleibt nur die Erkenntnis, dass sich mir kaum Fragen beantworten sondern nur neue Stellen.


Ich konnte nicht überall Fotos machen, es gibt aber Videos von den Übergriffen. Außerdem findet ihr bei B'Tselem einen ausführlichen Bericht.


Überblick über die Situation in Hebron

(www.youtube.com)

Die Siedlerin die dem Jungen die Zähne zerhauen hat

(www.youtube.com)


Mit ihm haben wir gesprochen
(www.youtube.com)

Der Mann der hier bedroht wird,

hat auch unsere Gruppe geleitet

(www.youtube.com)

Bericht über "Breaking The Silence"

(www.spiegel.de)


Euer André

Dienstag, 18. März 2008

In der Knesset...

Angekommen erwartete mich erstmal ein sehr intensiver Sicherheitscheck, aber für Israel auch wieder nix besonderes. Nach ein paar Minuten und intensivem herum schauen ob im Aufenthaltsbereich nicht vielleicht Frank-Walter erblicken könnte, nahmen wir dann unsere Plätze ein. Es sollte fast eine Stunde vergehen ehe Dr. Merkel zu Wort kommt. Zuerst möchten sich noch die wegbleibenden Knesset-Abgeordneten rechtfertigen, was mit keinem großen Interesse der Anwesenden gewürdigt wird. Einige Israelis empfinden es als sehr respektlos in der Knesset Deutsch zu sprechen, so auch einige Abgeordnete. Dann beginnt die Vorsitzende eine halbstündige Rede die vor allem eins klar machen soll, wir Deutschen, wir haben Verantwortung. Danach spricht Olmert zehn Minuten wo er vor allem den Iran ins Visier nimmt. Selbst Netanjahu als Führer der Opposition kommt zu Wort und erscheint mir relativ gemäßigt zu Sprechen. Im Ganzen eine Stunde wo viel von Shoa, Iran und Verantwortlichkeit von Deutschland gesprochen wird. Viel was da an Erwartung, der brav neben den Rednern sitzenden Angela, zugesprochen wird. Sie meistert das aber für mein Verständnis sehr gut. Eins bekommt sie wie auch in Deutschland ganz gut hin, sie tritt niemanden auf die Füße. Genau das macht den heutigen Tag zwar wichtig, aber nicht einzigartig. Sie wird nicht konkret und mag auch kein böses Wort über Siedlungspolitik oder Ost-Jerusalem verlieren.
Mehr will mir da gerade nicht einfallen, ich gehe jetzt ins Bett…

"Die Sicherheit Israels ist nie verhandelbar" (www.tagesschau.de)

Euer André

Das ist ein historischer Moment!

Wie oft habe ich diesen Ausspruch die letzten Tage schon gehört. Frau Merkel mit Gefolge ist in Israel zu Besuch, diesmal nennt man es nicht Stippvisite sondern Regierungskonsultation. Der Unterschied liegt darin, dass sich die jeweiligen Minister mit ihrem Pendant in Israel austauschen. Für uns heißt es, sie bringt mehr Zeit mit und wird vor der Knesset sprechen wo wir eingeladen sind. „Wir“ meint die Volontäre von ASF in Israel, der Freiwillige der in Yad Vashem arbeitet hat gestern mit ihr zum Beispiel einen Kranz niedergelegt. Ich werde gleich in meinen Anzug schlüpfen und zur Knesset fahren, mal sehen was sie so zu erzählen hat.

Bis nachher, euer André…